Ordensnachrichten 2008/3 - Zum Geleit

Ordensnachrichten


Geleitwort von Mag. Sr. Karin Weiler CS

Bereichsleitung Werte und Sozial Pastorale Dienste in den CS Pflege- und Sozialzentren

Die beiden thematischen Beiträge des Heftes – Barmherzigkeit und Liturgie mit Kranken und Sterbenden – geben Anlass, über die Erfahrungen von Ordensgemeinschaften im nachhaltigen Sichern des christlichen Grundauftrags ihrer Werke nachzudenken. Dies geschieht zum Beispiel in der Wertearbeit in den Pflege- und Sozialzentren der Caritas Socialis (CS). Pflegeeinrichtungen wurden von Ordensgemeinschaften gegründet, um kranken und pflegebedürftigen Menschen zu helfen. Sie stellen eine konkrete Form dar, dem christlichen Glauben Ausdruck zu geben – eine Verwirklichung der Barmherzigkeit Gottes.

Um diesen Grundauftrag auch bei sinkender Mitgliederzahl erfüllen zu können, wurden viele Einrichtungen in wirtschaftlich und fachlich kompetente Hände übergeben. Eine wichtige Frage war, wie dabei das christliche Profil der Ordensgründung erhalten bleiben kann. Teilweise anfordernde, aber auch entlastende Übergabeprozesse und Schritte hin zu einem neuen Selbstverständnis haben stattgefunden. Leitbilder wurden erarbeitet und Wertemanagement eingeführt. Die Schwesterngemeinschaft Caritas Socialis (CS) stellte schon in den 1980er Jahren Überlegungen zur Gründung von GmbH´s zur Führung ihrer Einrichtungen an, in denen rund 6.000 Menschen betreut werden. Dabei erfuhren MitarbeiterInnen und Schwestern gegenseitige Bereicherung im Blick auf die Werte. MitarbeiterInnen entdeckten für Schwestern selbstverständlich gewordene Aspekte neu. Dadurch wurde das Bewusstsein für den uns anvertrauten Schatz an Werten erneuert. Wir haben dabei den Prozess nicht einseitig als Weitergabe von Werten betrachtet, sondern uns selbst beschenken lassen. Die Präsenz der Schwestern in Geschäftsführung, Pflege und Seelsorge half, den Austausch lebendig zu erhalten. Die Situation verändert sich. Weniger Schwestern arbeiten mit. MitarbeiterInnen sind fachlich hoch qualifiziert, aber nicht mehr selbstverständlich kirchlich sozialisiert. Führungskräfte nehmen verstärkt Multiplikatorenfunktion im Bereich der Werte-Sensibilisierung wahr und werden dabei von einer Schwester, die den Bereich der Werte auf Führungsebene vertritt, unterstützt. Was war/ist hilfreich? – Vertrauen. Werte können nicht verordnet oder übergestülpt werden. Ein Wert ist etwas, was von sich aus anspricht. Dem, was mich als wertvoll berührt und mich im positiven Sinn angeht, kann ich in Freiheit zustimmen und ich werde mich entschlossen dafür einsetzen. Vertrauen in die Attraktivität und Strahlkraft des Sendungsauftrags und Offenheit für kreative Neuinterpretationen sind angezeigt.  – Strukturierte Wertearbeit. Entscheidungen und geklärte Prozesse, wann, wie und von wem bei der Einführung neuer MitarbeiterInnen Werthaltungen thematisiert werden, sind nötig. In der CS hat das Leitbild im Rahmen der Einführungsprogramme und Veranstaltungen zur Wertevermittlung hohen Stellenwert.  – Ständige Übersetzungsarbeit. Das bedeutet v.a. eine Sprache, die auch nicht-kirchlich sozialisierte MitarbeiterInnen verstehen, spirituelle Angebote, mit denen wir „Zeugnis geben von der Hoffnung, die uns bewegt“ und Raum für eigene Erfahrung anbieten.  Wer hat etwas davon? Bei näherem Hinsehen alle. Für MitarbeiterInnen wird ihre Arbeit sinnvoll. Sie setzen sich für etwas ein, das sie als wichtig und wertvoll erkannt haben. Sie  gewinnen Motivation und Orientierung für ihre Arbeit. Es wird klar: Die gelebte Haltung hilft zusätzlich zu allem fachlich-professionellen Vorgehen, eine ganz konkrete Arbeits- oder Lebenssituation als Mensch zu bewältigen. Grundhaltungen können in konkretes, auch einforderbares Verhalten übersetzt werden. Dadurch wird der Gewinn der Wertearbeit für MitarbeiterInnen, aber auch für die Menschen, für die wir da sind, deutlich. Werte werden als Qualitätskriterium transparent.  In den CS Pflege- und Sozialzentren hat das Projekt „Hospizkultur und Mäeutik“  Grundhaltungen im Zusammenhang mit der letzten Lebensphase thematisiert (vgl. dieses Heft, S. 80–84; weitere Informationen: www.cs.or.at). Es ist gelungen, zu übersetzen, auszufalten und verstärkt zu integrieren, was es bedeutet, ausgehend vom christlichen Menschenbild dem Menschen gerade in seiner Verletzlichkeit am Ende des Lebens zu begegnen. Mit viel Kreativität wurde z. B. von MitarbeiterInnen und BewohnerInnen ein Sargtuch gestaltet, mit dem Verstorbene auf ihrem letzten Weg aus dem Haus begleitet werden. Damit ist in ganz konkretes Handeln übersetzt worden, was uns als CS ausmacht: würdevoll-respektvoller Umgang mit Menschen – bis zuletzt.  Neu gegründet wurde ein Ethik-Kernteam als (bereichs)übergreifendes Gremium der Beratung in ethischen Fragen. In einer gesellschaftlichen Situation, in der der Grundkonsens gegen aktive Sterbehilfe immer mehr aufgeweicht wird, ist es für christliche Träger wichtig, ein klares Profil in ethischen Fragen zu entwickeln und Strukturen zu schaffen, in denen MitarbeiterInnen Orientierung für komplexe Entscheidungen in der Lebens- und Sterbebegleitung erhalten. Mit ihrer Übersetzungsarbeit für christliche Werte leisten Ordenseinrichtungen einen gesellschaftspolitisch wichtigen Beitrag.

Wien, im Juni 2008