Ordensnachrichten 2008/1 - Zum Geleit

 

Geleitwort von Prof. Christine Gleixner FvB


Kontinuität und Wandel

Die in dieser Nummer der Ordensnachrichten abgedruckten Referate des Ordenstages 2007 und weitere einschlägige Texte laden zur persönlichen und gemeinsamen Besinnung auf das Spannungsfeld „Kontinuität und Wandel“ und die damit gegebene Herausforderung für eine schöpferische Gestaltung der Zukunft ein.
Zunächst zeichnet Univ. Prof. Dr. Br. Dietrich Wiederkehr OFMCap den „Wandel in der Gesellschaft“ nach, wodurch er vom Zuschauer zum Mitspieler wurde. Er will zeigen, wie dieser Wandel in der Gesellschaft von den Ordensgemeinschaften „erlebt und erlitten, nachvollzogen oder auch voraushandelnd aufgefangen“ wurde. Dabei sind der jeweilige Lebenskontext und eine Gleich- oder Ungleichzeitigkeit dieser Entwicklungen zu beachten. Dieses Hindurchgehen durch Wandlungen ist eine gegenseitige Verpflichtung und, wo es gelingt, ein gegenseitiges Glück.

Prof. Wiederkehr sieht die die jeweiligen Phasen charakterisierenden Erfahrungen wie „Baumringe“ und gibt dieser Metapher eine tiefe Bedeutung: „Die Etappen und Geschichtsabschnitte, wie ich sie skizziere, sind so, wie man Baumjahresringe durch mehrere Zeitkreise analysieren kann. Die Schichten sind im Baum und in der eigenen Biographie aber auch verbunden, die späteren fangen früher an, die früheren wirken länger nach, mit allen möglichen Zeitverschiebungen, Gleich- und Ungleichzeitigkeiten. Man nimmt sie mit: mit ihren Kälte- und Wärmezeiten, Stillständen und Wachstumsschichten.“
Die Überlegungen münden in eine Betrachtung des Pfingstbildes von Giotto, wo das als nacheinander Beschriebene gleichzeitig sichtbar wird.
Die zusammenfassende Aussage von Prof. Wiederkehr lautet: „Wandlungen in der Gesellschaft sollen nicht nur passiv ein gewandeltes, sondern reflexiv ein sich wandelndes Ordensleben, sich wandelnde Ordensmänner und -frauen erwecken und beleben.“ Diese Aussage kann einladen zum Überdenken: Wo stehe ich? Wo steht meine / unsere Gemeinschaft? Die Befassung mit diesen Fragen kann zu einer tiefen spirituellen Begegnung und zum Verstehen der unterschiedlichen Einsichten führen.
Im Referat der Exegetin Sr. Dr. Margareta Gruber OSF, „Vom Fremdsein zum Freundsein als Ordenschrist in der Welt“, wird an biblischen Texten das „Fremdsein und Freundsein“ als zwei „Selbstbezeichnungen der ersten Christen“ aufgezeigt. Die Referentin will den biblischen Begriff des „Freundseins“ nahebringen, den sie selbst erst in diesem Jahr in den heiligen Schriften entdeckt hat.
„Freundschaft“ hat in der Ordenstradition eine schwierige Geschichte (wie sich auch in der Diskussion zeigte!), aber das war nicht das Thema. Vielmehr geht es um eine „Spurensuche im Neuen Testament“, „von Jesus bis zu Johannes“ und von dort weiter in unsere Zeit. Denn Freundsein könnte für das Selbstverständnis von Ordenschristen heute viel zu sagen haben! Freundschaft – so lautete die These – begegnet im Neuen Testament als Lebensform, als eine in Jesus begründete Gestalt von „Nachfolge“.
Vertraute Bilder aus der Heiligen Schrift werden unter einem neuen Blickwinkel gesehen und öffnen neue Perspektiven auf das Gottes- und Menschenbild:

  1. Jesus – Freund der Zöllner und Sünder: Die Karriere einer Beschimpfung.
  2. Lukas: Jesus schafft Freunde Gottes, indem er das Erbarmen Gottes verschwenderisch verteilt.
  3. Johannes: Freundschaft zwischen Mensch und Gott.
  4. Ausblick: Freundschaft als Lebensform der Nachfolge.

Dabei wird deutlich: „Fremdsein hebt sich nicht einfach im Freundsein auf, sondern bleibt die Quelle des Respektes, der Ehrfurcht und der immer neuen Entscheidung.“ Freundschaft bedeutet also, „dem Fremden als dem Freund Heimat zu gewähren“. In dieser Grundhaltung öffnet sich der Blick für eine Antwort auf die großen Herausforderungen im Heute und Morgen und können wir Anteil erhalten an Gottes eigenem Leben.
In den Statements der Teilnehmenden am Podiumsgespräch wird deutlich, wie innerhalb der verschiedenen Traditionen und Aufgabengebiete nach schöpferischen Antworten auf die Herausforderung von „Kontinuität und Wandel“ gesucht wird.
Eine „relecture“ der Texte der Wiener Diözesansynode vor 40 Jahren, wie sie die Seiten 62 bis 69 empfehlen, zeigt, wie bis heute dieses Bemühen verankert ist im Zweiten Vatikanum und damit in der weltweiten Kirche.

Wien, im Februar 2008